7. Dezember 2015

Überfüllte Notfallstationen und mögliche Lösungsansätze

Es ist Donnerstag, kurz nach 13:00 Uhr. Ein normaler Tag auf der Notfallabteilung eines Regionalspitals. Die zuständigen Assistenzärzte sind in einem Schichtbetrieb eingeteilt. Neben einem Früh-, Mittel- und Spätdienst existiert noch der Nachtdienst. 365 Tage im Jahr werden alle Patientinnen und Patienten empfangen und behandelt. Beim Eintreten in den Notfall wird schnell klar, dass wieder sehr viel los ist. Das Wartezimmer ist voll und die Patienten wirken etwas unruhig. Wirklich krank sehen die meisten aber nicht aus. Wie lange sie wohl schon warten? Die Vorahnung bestätigt sich rasch. Vier Patienten warten schon seit über einer Stunde und konnten nur kurz ärztlich beurteilt werden. Nichts Dringendes heisst es. Keine Zeit verlieren und effizientes Arbeiten ist nun entscheidend. Diese Beschreibung ist schon lange keine Ausnahme mehr, sondern eher die Regel in Schweizer Notfallstationen.

Seit vielen Jahren steigen die ambulanten Konsultationen in den westlichen Ländern und somit auch in der Schweiz kontinuierlich an [1]. Im Jahr 2011 lag die Zahl der Konsultationen in Schweizer Notfallstationen bei 1,619 Millionen beziehungsweise 4’400 pro Tag. Dies entspricht einer Zunahme von 26% gegenüber 2007 [2]. Werden nur die ambulanten Konsultationen in den Notfallstationen betrachtet, lässt sich eine Zunahme um + 32% nachweisen (Abbildung 1). Es ist davon auszugehen, dass im Jahr 2015 die zwei Millionengrenze überschritten wird.

Abbildung 1: Anzahl Eintritte in Notfallstationen (ambulant und stationär)

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig und eine Gewichtung der Ursachen schwierig. Viele vor allem jüngere Patientinnen und Patienten haben keinen Hausarzt mehr und besuchen bei einem gesundheitlichen Problem direkt die Notfallstation. Für einige ausländische Personen ist diese Vorgehensweise im Heimatland sogar üblich und wird deshalb nicht hinterfragt. Der Notfall erscheint deutlich praktischer, weil er zu jedem Zeitpunkt besucht werden kann, meist eine fachärztliche Beurteilung möglich ist und die diagnostischen Möglichkeiten schnell und direkt zur Verfügung stehen. Als weiteren Grund kann der zunehmende Hausarztmangel angesehen werden. Junge Ärzte für die Hausarztmedizin zu motivieren ist schwieriger geworden, vor allem in ländlichen Gebieten der Schweiz. Regulatorische Massnahmen gegen diesen Verlauf wurden unter anderem mit dem politischen Entscheid zur Annahme des Gegenentwurfes zur Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“ am 18. Mai 2014 getroffen. Die medizinische Grundversorgung soll durch die Verankerung in der Verfassung gestärkt und die Hausarztmedizin als wesentlichen Bestandteil der Grundversorgung gefördert werden. Die Ausbildung zum Allgemeinpraktiker soll attraktiver, die angehenden Ärztinnen und Ärzte schon früh mit dieser Möglichkeit konfrontiert werden.

In der Literatur finden sich viele Lösungsansätze, welche grundlegende Unterschiede aufweisen. Patienten können schon telefonisch oder per Videoübertragung beurteilt und triagiert werden (Telemedizin). Im Spital können verschiedene Triagesysteme verwendet werden, die sich vom Zeitpunkt der Anwendung, dem involvierten Personal (Pflegefachpersonal, Arzt) und der räumlichen Trennung unterscheiden. Die Umsetzung ist meist mit hohen organisatorischen und baulichen Massnahmen verbunden, welche kostenintensiv sind. In den Notfällen der Schweiz haben sich im wesentlichen folgende zwei Triagesysteme etabliert: Mit dem sogenannten Fast Track (Schnellspur) werden Bagatellen schon früh triagiert und in separaten Räumlichkeiten (zum Beispiel anliegende Hausarztpraxen) rascher behandelt. Dadurch können auch die regionalen Hausärzte direkt mit eingebunden werden. Bei dem Team Triage, werden Patienten durch Fachärzte beurteilt, noch bevor die Administration deren Daten aufnimmt. Gemäss Angaben eines Mediencommuniqués des Universitätsspital Basel kam es nach deren Einführung im Sommer 2014 zu einer markanten Reduktion der Wartezeit (bis zum Erstkontakt mit Facharzt neu durchschnittlich 20 Minuten versus 38 Minuten) als auch der Aufenthaltsdauer (ambulant wie auch stationäre Behandlung) [3]. Interessanterweise finden IT-Lösungen bis heute in den Schweizer Spitälern kaum Einklang.

Ob diese Massnahmen die zunehmenden ambulanten Ströme auffangen mögen, ist unklar. Es ist anzunehmen, dass ein grosses Potenzial für weitere Innovationen in diesem Bereich besteht. Wie so oft, ist wahrscheinlich eine Kombination mehrerer Lösungsansätze am vielversprechendsten.

  1. Pines, J.M., et al., International perspectives on emergency department crowding. Acad Emerg Med, 2011. 18(12): p. 1358–70.
  2. Vilpert, S., Konsultationen in Schweizer Notfallstationen (Obsan Bulletin 3/2013). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium. 2013.
  3. https://www.unispitalbasel.ch/medien/mediencommuniques/detail/article/2014/09/03/deutlich-kuerzere-warte-und-aufenthaltszeiten-in-der-notfallstation (6.12.2015)

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